Die Vastu Prinzipien

Die Vastu-Lehre enthält genaue Angaben über die Lage und Orientierung eines Gebäudes am Grundstück, seine Proportionen und architektonischen Charakterzüge, seine Eingänge und Fenster, seinen Bezug zum Außenraum und sein Innenleben. Sie schnürt dabei dem Architekten allerdings kein Korsett, vielmehr hilft sie bei der Entscheidungsfindung.

Die fünf Vastu-Prinzipien

Diknirvana
Das Grundstück und seine Umgebung

Vaastu Purusha Mandala
Planung nach Himmelsrichtungen

Maana
Flächen und Proportionen

Die Aayadi-Formeln
Der architektonische Rhythmus

Chanda
Die Ästhetik

Even a brick wants to be something.
Louis Kahn

Diknirvana - Das Grundstück und seine Umgebung

Die vier Prinzipien des Vaastu bei der Grundstücksauswahl:

• Günstige und ungünstige Himmelsrichtungen (Sonnenverlauf, Windrichtung,...)
• Höhe und Gewicht (Hügel, Berge, benachbarte Bebauung,...)
• Steigung und Gefälle (Regenwasser, Lichteinfall,...)
• Freie Flächen (Abstände, Belichtung, Luftzirkulation, Blickachsen,...)

Diese vier Hauptprinzipien wurden festgelegt um die Kräfte der Elemente am besten nutzen zu können. Die mit diesen Prinzipien verknüpften Regeln gelten für jeden baulichen Maßstab. Sie bestimmten das Vastu jeder Metropole, jeder Gemeinde, jedes Hauses, jedes Raumes. Die ideale Form für ein Grundstück ist ein Rechteck.

To create, one must first question everything.
Eileen Gray

Vaastu Purusha Mandala

Vaastu Purusha Mandala mit Gottheiten

Das Vaastu Purusha Mandala gilt als das wichtigste Planungsinstrument im Vastu, da es Aufschluss über die optimale Verteilung und Nutzung der Räume nach den Himmelsrichtungen gibt. Ein Haus, das nach dem Vastu Purusha Mandala (VPM) geplant und erbaut wurde, so sagt man, wird Gesundheit, Wohlstand und Glückseligkeit sicherstellen. Das VPM sorgt unter anderem für eine gute Orientierung zur Sonne, eine ordentliche Belüftung und Offenheit und Privatheit an den richtigen Stellen.

Vaastu bedeutet wohnen oder Umgebung, Wohnraum, Umwelt.
Purush steht für Energie.
Mandala meint eine Karte, die sich in dem Fall auf das Grundrisslayout bezieht.

Die einzelnen Felder (Gottheiten) des VPM geben Aufschluss über Qualitäten und Eignung des jeweiligen Bereichs. Das VPM ist eine Art Karte zur Verteilung der Räume und Funktionen innerhalb eines Gebäudes. Es kann auch auf einzelne Räume angewandt werden.

Architektur war ursprünglich eine Tochterwissenschaft der Astrologie. Vastu ist daher als Lehre über den Verlauf der Erde um die Sonne von Beginn an in der Architekturwissenschaft verankert. Das ursprüngliche VPM ist in 45 Felder unterteilt, wobei jedes Feld einer Gottheit gewidmet ist, im Zentrum befindet sich Brahma, die Lebenskraft. Daher sollte die Mitte eines Gebäudes, einer Wohnung oder eines Raumes offen und frei sein.

Das Modell der offenen Mitte zieht sich durch die ganze Geschichte des Sakralbaus, von den alten Tempelanlagen der Mayas über katholische Kathedralen bis hin zu Moscheen oder Buddhistische Tempel. Auch im Wohnbau findet man Höfe und offene Mitten, vom Waldviertler Vierkanthof bis zum marokkanischen Riad. Innerhalb von Häusern oder Wohnungen ist eine offene Mitte beispielsweise in Form eines Vorzimmers, eines Ganges oder eines offenen Wohnbereichs realisierbar.

Gott würfelt nicht.
Albert Einstein

Maana - Flächen und Proportionen

Taj Mahal: Vastu-Architektur

Alle drei Vedischen Wissenschaften, Vastu, Ayurveda und Yoga, weisen auf die Wichtigkeit von Rhythmus und Proportionen hin. Sie repräsentieren die Gesetze der Natur und ihrer Dualität (Licht/Schatten, Tag/Nacht, Trockenheit/Regen, Lärm/Stille, etc.). Vaastu ehrt die Gesetze der Natur und schafft Gebäude die im Einklang mit ihnen stehen.

Folgt man den Vaastu Shastra so ist das Maana bestimmend über alle kreativen Prozesse, sei es Skulptur oder Architektur. Wenn die Maana-Prinzipien beachtet werden, wird das entworfene und von Menschenhand erschaffene Objekt perfekt aussehen und wohl proportioniert sein.

Diese Wissenschaft ist nach dem trial and error Prinzip entstanden. Über Jahrtausende studierten die Vastu-Architekten die verschiedensten Bauwerke und Kunstgegenstände und fand jene Proportionen, die dem Auge am besten gefallen, und mit der Natur am besten harmonieren. Heute stehen uns die daraus empirisch abgeleiteten geometrischen Formeln zur Verfügung, die auf der ganzen Welt angewandt werden um perfekte Gebäude entstehen zu lassen. Zu den bekanntesten nach Vastu-Proportionen errichteten Gebäude zählen der Taj Mahal, Angkor Wat, der Burj Khalifa oder das Weiße Haus.

Nach der Auswahl des Grundstücks werden bestimmte geometrische Formeln auf das Gebäudedesign angewandt um ein wohlproportioniertes, ästhetisch ansprechendes Bauwerk mit den richtigen Abmessungen zu planen. Maana, Das Vastu-Prinzip der Proportionen, beschreibt das perfekte Verhältnis zwischen Höhe und Breite eines Gebäudes in der Ansicht bzw. in der Fläche, im Gegensatz zu den Aayadi-Formeln, die auch die Länge und somit den Raum berücksichtigen. Das geometrisch zweidimensionale Maana-Prinzip kann gleichermaßen im Innenraum auch auf Ansichten einzelner Räume bzw. Wände, Möbelstücke, Kunstgegenstände, Malereien, Grafiken und Fassaden angewandt werden.

Maana unterscheidet dabei sechs geometrische Kategorien.

Höhe
Breite
Tiefe oder Umfang
Maß zum Lot
Dicke (Wandstärke)
Zwischenraum

Horizontality is a desire to give up, to sleep.  Verticality is an attempt to escape.
Hanging and floating are states of ambivalence.
Louise Bourgeois

Die Aayadi-Formeln

In Europa plant man zumeist nach dem Metermaß. Diese, im Grunde willkürlich gewählte Maßeinheit, nimmt keinerlei Bezug zur Natur. Vastu-Strukturen verwenden präzise mathematische Einheiten und Geometrien um harmonische Resonanz mit den Schwingungen unseres Planeten zu erzeugen.

Die Aayadi-Formeln dienen zur Berechnung der natürlichen Schwingungen eines Gebäudes auf Grund seiner Geometrie (Eigenresonanz). Wie auch in der Musik gibt es in der Architektur bestimmte Abstände und Proportionen die Harmonien erzeugen, und andere die sich dissonant verhalten. Die Eigenresonanz eines Raumes kann akustisch erfahrbar gemacht werden, indem man Schallwellen erzeugt, die der Raumlänge oder einem Vielfachen entsprechen. Im Vastu ist der Umfang eines Gebäudes im Bezug zu bestimmten Längen- und Breitenmaßen ein wesentlicher Faktor zur Bewertung einer positiven oder negativen Stimmung der Architektur.

Im Vaastu Shashtra gibt es genau definierte Maßeinheiten.
Diese Maße stehen in Harmonie mit den Wellenlängen des magnetischen Feldes der Erde.


Mit diesen Maßen werden geometrisch und somit energetisch harmonische Räume gestaltet.

viral - 3,4925 cm
taalam - 51,4350 cm
vitasti - 41,9100 cm
hastam - 83,8200 cm
dandam - 670,5600 cm

Es reicht sich diesen Maßen anzunähern.

Vergleich: Der Körper eines Klavieres oder einer Geige wird ebenfalls in bestimmten Maßen und Proportionen gebaut, um die Wellenlängen der Kammertöne geometrisch bzw. als Resonanzraum zu unterstützen.

Der Raum wird also "gestimmt".

Nichts erfordert mehr die Aufmerksamkeit eines Architekten,
als die Proportionen des Bauwerks.
Marcus Vitruvius Pollio

Chanda – Die Ästhetik des Gebäudes

Chanda bedeutet "Die Kontur eines Gebäudes gegen den Himmel" und beschreibt die Schönheit oder die Ästhetik eines Gebäudes. Ja nach Gebäudetyp und Nutzung werden unterschiedliche Prinzipien angewandt. Ein Wohnhaus soll wie ein Wohnhaus aussehen, eine Schule wie eine Schule, eine Küche ist eine Küche ist eine Küche... Ein Gebäude muss visuell im Einklang mit seiner Umgebung stehen, es darf nicht stören, es soll verschönern.

Heute existieren für praktisch jeden Gebäudetyp bestimmte Vastu-Regeln. Es gibt kommerzielles Vastu für Büros, Shops, Business, Krankenhäuser, Behandlungs- und Therapiezentren, Supermärkte, Schulen, Hotels, Kliniken, Restaurants, Banken, Theater, Konzertsääle, Kinos, Einkaufszentren, etc. Die Struktur eines Gebäudes wird mit einem poetischen oder musikalischen Rhythmus verglichen.

Dieser Rhythmus existiert in allen drei Dimensionen eines Gebäudes, in Linien, in Flächen, und in Körpern. Das Vastu Shastra spricht von einem Rhythmus der Geschosse und proportionalen Bezügen von Umfang und Höhe des Gebäudes. Jeder Bauteil ist Teil des Rhythmus und trägt mit seiner Form und seinem Gewicht seinen Teil zur Gesamtkomposition der Architektur bei. Der Rhythmus schafft die Form und der Maßstab baut sie auf.

Architecture is inhabited sculpture.
Constantin Brancusi